Unterwegs

Da sich mein Leben  mittlerweile zu einem großen Teil auf Rädern abspielt, stelle  ich hiermit die neue Rubrik "Unterwegs" vor. In ihr werde ich versuchen, meine beiden größten Leidenschaften zusammenführen, nämlich das Schreiben und das Reisen. 

 

--- und hier die passende Begleitmusik (zum Anhören Bild anklicken): 

Froschgeküsst

 

Nancy. Hauptstadt von Lothringen mit einhunderttausend Einwohnern, einst prachtvolle Residenz des vormaligen polnischen Königs Stanislaus Leszczyński und anderthalb Jahrhunderte später einer der Geburtsorte des Jugendstils. Von all dem wussten meine Mitreisenden jedoch wenig bis gar nichts. Genau wie ich stammten auch sie aus den eher ländlichen Regionen Hessens und bereiteten sich im rauen Klima des Vogelsbergs auf ihre Abschlussprüfung als Forstinspektoren vor. Drei Dutzend Junghirsche bei ihrem ersten Weidegang in einem fremden Land!

Lothringen ist nicht nur eine der am stärksten bewaldeten Regionen Frankreichs, sondern beherbergt in Nancy auch die traditionsreichste Forstakademie des Landes. Schon seit 1824 und mit so berühmten Absolventen wie Gifford Pinchot, dem Vater der US-amerikanischen Forstverwaltung. Von daher handelte es sich keineswegs um einen Zufall, dass diese Reise uns hierhergeführt hatte. Eine glückliche Fügung des Schicksals war es hingegen, dass mir selbst die Stadt als solche gut vertraut war. Außerdem hatte ich den unbezahlbaren Vorteil, dass ich einigermaßen Französisch sprach, was mich zum einäugigen König unter den Blinden machen sollte.

In den nächsten Tagen tauchten wir ein in die Wälder zwischen den Vogesen im Osten und der Montagne de Reims im Westen. Vegetationskunde und Statistik standen auf dem Programm, Geologie und Holzvermarktung, und dazwischen ein bisschen völkerverbindende Folklore mit grüner Uniform, einem Saubart am Hut und dem Halali auf dem Jagdhorn. Nach Feierabend dann der obligatorische Zug durch die Gemeinde, nun in studentischem Zivil.

Am Donnerstag schwärmten wir aus in Richtung Innenstadt und strandeten nahe der Kirche Saint Sébastien in einem netten Bistro. Ein trockener Châteauneuf du Pape für mich, Elsässer Bier für die beiden anderen. Mir oblag dabei die Aufgabe des Dolmetschers, der ich mich voller Hingabe widmete. Denn die Kellnerin, mit der ich die diesbezüglichen Verhandlungen zu führen hatte, spielte mindestens zwei Ligen über den Mädels, denen ich bis dahin den Hof gemacht hatte. Schulterlange schwarze Haare umrahmten ihr Gesicht, in dem ein Wangengrübchen hinter jedes Lächeln ein Ausrufezeichen setzte. Darunter ein Körper, der es mir unter anderen Umständen unmöglich gemacht hätte, sie anzusprechen, ohne meinen Teint gegen die Farbe einer reifen Chilischote einzutauschen. Hier lagen die Verhältnisse jedoch völlig anders. Hier musste ich gewissermaßen in offiziellem Auftrag mit ihr reden, was einen wohltuenden Einfluss auf mein Selbstvertrauen hatte. Zugleich ließ ich mir die Chance nicht entgehen, mich vor meiner taubstummen Entourage ein wenig in Szene zu setzen.
„Ah, ihr seid Deutsche“, kommentierte sie meine Bestellung und dämpfte damit sogleich meinen Hochmut über meine vermeintlichen Sprachkenntnisse. Andererseits konnte ich den Faden unverzüglich aufgreifen und antwortete: „Ja, ich komm aus Kassel. Ehemalige Hauptstadt des Königreichs Westphalen. Unter König Jérôme, dem Bruder Napoléons.“

„Und? Hat er auch einen Namen, der Untertan vom kleinen Bonaparte?“, erwiderte sie.

„Robert“, antwortete ich. „Und das sind Carsten und Stephan, meine Kameraden.“ Die Beiden grinsten sie an und brachten etwas Ähnliches wie „Bonjour“ über die Lippen. 

„Wir studieren allesamt Forstwirtschaft und sind hier zu Gast an der ENGREF, der Ecole Nationale du Génie Rural, des Eaux et des Forêts.“


„Förster also“, meinte sie. „Habt ihr euch wenigstens auch La Pépinière angeschaut? Eine alte Baumschule, wie der Name schon sagt. Angelegt von Herzog Stanislas, um Alleebäume für die Lothringer Straßen heranzuziehen. Im 19. Jahrhundert wurde unsere Pep' daraus, der schönste Park, den ich kenne!“


„Ich fürchte, bei uns steht so viel Wald auf dem Programm, dass für Grünanlagen keine Zeit mehr bleibt.“


„Schade! Aber“ – sie zögerte einen Augenblick – „wenn Ihr mich anschließend zu einem Pastis einladet, bekommt ihr von mir eine Sonderführung.“


„Sie fragt“, erklärte ich den anderen, „ob ihr Froschschenkel mögt“ – wohl wissend, dass sie diesen Teil der französischen Esskultur abgrundtief verabscheuten. Nicht nur aus kulinarischen Gründen, sondern auch aus ökologischen und ethischen. „Die gibt‘s hier übermorgen im Sonderangebot. Und ihr Chef, so sagt sie, hätte eines der leckersten Rezepte überhaupt.“


Wie erhofft, setzten Beide eine leicht angewiderte Miene auf und verneinten kopfschüttelnd, was gut zu meiner nun folgenden Übersetzung passte: „Meinen Freunden reichen die Bäume, die wir tagsüber anschauen müssen. Aber mir selbst würdest du mit einem kleinen Bummel durch die Pep' eine große Freude machen.“
„Abgemacht. Wir treffen uns Samstagnachmittag um vier am Musikpavillon. Du weißt, wo der steht?“


„Der Kiosque Mozart? Na klar! Aber falls ich dich ausrufen lassen muss: Wie heißt du eigentlich?“

„Catherine. Oder einfach Nina“, antwortete sie mit einem verheißungsvollen Lächeln. Dann rief von der rückwärtigen Tür jemand genau diesen Namen. Sie entschuldigte sich, verschwand nach hinten in Richtung Küche und sollte den ganzen Abend über nicht wieder auftauchen.

Auch wenn meine beiden Begleiter von unserer Unterhaltung nichts verstanden hatten, konnten sie doch nicht übersehen, dass ich gerade dabei war, eines neues und aufregendes Kapitel der deutsch-französischen Völkerfreundschaft aufzuschlagen. Dementsprechend sparten sie nicht mit kleinen Sticheleien und nach vier bis fünf Gläsern Bier fühlte Stephan sich schließlich bemüßigt, zwei Zeilen genialen Blödsinns von Ingo Insterburg für mich umzudichten.

„Er liebte ein Mädchen in Frankreich, sie liebten sich auf 'ner Bank gleich“, deklamierte er mit feierlicher Stimme. Und Carsten setzte gleich noch eins drauf mit „Er liebte ein Mädchen in Schweden, die konnte französisch – reden“. Daraufhin mussten beide so lachen, dass Stephan sich verschluckte und um Haaresbreite am Schaum seines Bieres erstickt wäre.

* * *

Am Samstag bummelte ich vor meinem Rendezvous noch ein wenig durch die Stadt, die durch die Nachmittagssonne in ein märchenhaftes Licht getaucht wurde. Ganz besonders das architektonische Glanzstück des Place Stanislas mit seiner Größe, seiner perfekten Harmonie und seiner auch nach mehr als 200 Jahren immer noch überschäumenden Lebensfreude. Auf Französisch hieß es natürlich nicht „der Platz“, sondern „die Place“, was der Anmut und Eleganz der Örtlichkeit ungleich besser gerecht wurde. Mittendrauf ein bronzenes Standbild von Herzog Stanislaus Leszczyński, der die Pep' in Auftrag gegeben und damit gewissermaßen den Grundstein für diesen denkwürdigen Tag gelegt hatte. Deshalb zwinkerte ich ihm im Vorbeigehen verschwörerisch zu und schlängelte mich dann in der nördlichen Ecke des Platzes neben dem Brunnen der Amphitrite durch das prachtvoll verzierte Gitter.


 

Während ich mich dem achteckigen Tempelchen des Kiosque Mozart näherte, war ich mir indes auf einmal gar nicht mehr sicher, ob ich tatsächlich mit der bezauberndsten Frau westlich des Rheins verabredet war oder vielleicht doch nur einer Fata Morgana nachjagte. Bis ich sie zwischen den vergoldeten Laternen auf dem Geländer sitzen und mir zuwinken sah. Sie trug ein ärmelloses Top und Hotpants, was sie noch um einiges attraktiver wirken ließ als zwei Tage zuvor. Außerdem hatte sie einen kleinen Rucksack dabei, so dass ich sehr an mich halten musste, um sie nicht mit einer albernen Bemerkung über das Ausmaß des von ihr geplanten Spaziergangs zu brüskieren.

Nach Landessitte begrüßten wir uns mit zwei angedeuteten Wangenküssen, deren Anzahl ich gern auf sechzig bis achtzig erhöht hätte. Gemeinsam schlenderten wir bis zur großen Blumenuhr und durchquerten dann den riesigen Rosengarten mit seinem Überfluss an Farben und Düften. Erst Seite an Seite, dann Hand in Hand, schließlich engumschlungen – wobei ich nicht mehr rekonstruieren konnte, wo und wann wir die jeweilige Marschordnung geändert hatten.

Ich schilderte ihr unseren vortägigen Ausflug in die Champagnerkeller von Reims und in den Zauberwald von Verzy mit seinen bizarr geformten Süntel-Buchen.

„Welche Kellerei habt ihr besichtigt“, wollte sie von mir wissen.

„Pommery et Greno.“

„Keine schlechte Wahl. Trinken wir auch gern, wenn es mal was zu feiern gibt. Aber von den Faux de Verzy hab ich in meinem ganzen Leben noch nichts gehört.“
„Ist ja auch sehr speziell. Und sehr schön! Eine ganz besondere Art von Buchen, die sich nicht daran halten, dass ein Baum gerade nach oben zu wachsen hat. Sie sind krumm und schief, drehen sich wie Korkenzieher, haben Furchen und Wülste an ihren Stämmen und lassen ihre Zweige herunterhängen wie das personifizierte schlechte Gewissen.“

„Und deshalb nennt man sie faux? Falsch? Weil sie nicht das tun, was man von anständigen Bäumen so erwartet?“

„Nein. Fau ist ganz einfach ein altes Wort für Buche. Vom lateinischen Fagus – solltest Du als Französin eigentlich kennen!“

„Französin ja, aber deshalb noch lange keine Waldfee. Und erst recht kein Holzwurm!“

Nachdem wir im Tiergarten die bunten Papageien bewundert und die Bären in ihrem tristen Gehege bedauert hatten, kehrten wir in die Nähe unseres Ausgangspunktes zurück. Auf einer großen Wiese, die locker mit Bäumen bestanden war, ließ sie sich ins Gras fallen, streckte mir beide Arme entgegen und zog mich herunter zu sich auf den Rasen.

Dort war ich mir völlig sicher, dass ich im Garten Eden angekommen sein musste, während ich Ninas Stimme hörte, während ich ihren Kopf auf meinem Schoß spürte und ihren perfekten Hintern unter meinen Händen.

„Auguste Rodin“, sagte sie und deutete dabei mit dem Finger auf ein kleines Denkmal auf einem überdimensionierten Sockel.

 


„Auguste Rodin? Der mit dem Kuss und dem Denker?“


„Genau der. Und mit den Bürgern von Calais. Der dort oben steht, heißt übrigens Claude Gellée, im 17. Jahrhundert ein berühmter lothringischer Dichter. Und zweihundert Jahre später vom weltberühmten Bildhauer in Bronze gegossen.“


„Siehst du, nun tappe ich völlig im Dunkeln. Die Kunst ist wohl eher deine Heimat. So wie meine der Wald.“


„Ja, irgendwie schon. Ich bin in Beaumettes zur Welt gekommen, einem kleinen Dorf im Luberon, mit ein paar ehemaligen Höhlenwohnungen als größter Sehenswürdigkeit. Aber direkt nebenan liegt Gordes und dort hat Victor Vasarely eines der phantastischsten Museen überhaupt geschaffen.“

„Victor wer?“

„Victor Vasarely. Ein ungarischer Maler, der seit Urzeiten in Frankreich lebt und zu den ganz Großen der Op-Art gehört. Du kennst bestimmt das Firmenlogo von Renault. Diese Raute, die dem Gehirn eine dreidimensionale optische Täuschung vorgaukelt. Die ist von ihm. Er hat das Schloss in Gordes gekauft, das alte Gemäuer mit viel Geld und viel Geschmack instandgesetzt und darin sein eigenes Museum eingerichtet. Als Kind und als Jugendliche war ich oft dort, und da habe ich auch den Entschluss gefasst, Kunst und Design zu studieren.“

Als sich die Bänke und Grünflächen gegen Abend allmählich leerten, zauberte sie aus ihrem Rucksack eine Flasche Beaujolais hervor, Gläser, ein Baguette und eine Dose mit undefinierbarem Inhalt, der stark nach Knoblauch roch. Wir stießen an, brachen das Brot klein und tunkten es in die cremige Masse.

„Göttlich“, sagte ich, „aber morgen werde ich teuflisch stinken!“

„Ehrlich? Lass mich schnuppern.“

Sie brachte ihr Gesicht ganz dicht vor das meine, atmete vernehmlich durch die Nase ein und meinte: „Also ich – ich rieche nichts!“

Ich leckte mit der Zungenspitze einen Krümel von ihrem Mundwinkel ab, küsste sie auf ihre ungeschminkten Lippen und entgegnete: „Schmecken kann ich auch nichts. Jedenfalls nichts, was mir unangenehm wäre!“

Erst als sich die Sonne hinter den Baumkronen verabschiedet hatte, löste Nina sich aus meinen Armen, stand auf und fragte mich, ob ich nicht mit ihr nach Hause kommen wolle. Natürlich hätte ich liebend gern mit „Ja“ geantwortet. Doch eine unentschuldigte Abwesenheit über Nacht hätte nicht nur die Herdplatte der Gerüchteküche zum Glühen gebracht, sondern vermutlich auch ernsthafte disziplinarische Konsequenzen nach sich gezogen. Angesichts solch nachhaltiger Komplikationen konnte ich es unmöglich wagen, ihr Angebot anzunehmen.

„Weißt du was?“, schlug ich ihr stattdessen vor. „Ich komme morgen früh zu dir und wir frühstücken zusammen.“

Sie zog demonstrativ einen Schmollmund, verriet mir aber ihre Adresse und erteilte mir den Auftrag, Hörnchen zu besorgen. „Für alle“, fügte sie hinzu. „Meine beiden Mitbewohnerinnen dulden Männerbesuch nur, wenn sie auch etwas davon haben!“

* * *

Kurz vor neun drückte ich auf den Klingelknopf neben dem Schild mit ihrem und zwei weiteren Namen. Sie öffnete mir. Barfuß, bekleidet nur mit einem weißen T-Shirt, das reichlich groß war und ihr knapp bis über den Po reichte. Nach einem geflüsterten „Guten Morgen“ und einem Begrüßungskuss führte sie mich in die Küche, wo sie die Tüte mit den Croissants auf den Tisch legte und meinen Blumenstrauß in eine Vase stellte.

„Zoé und Louise schlafen noch“ erklärte sie mir und schob mich weiter in ihr Zimmer. Nachdem wir dort den Kuss aus der Diele wiederholt und ausgedehnt hatten, streifte sie ihr Hemd über den Kopf, ließ sich aufs Bett fallen und zog mich abermals zu sich herab.

Erheblich später wurden wir durch gedämpfte Schritte, flüsternde Stimmen auf dem Flur und das laute Knallen einer Klospülung aus unserem wohligen Halbschlaf zurückgeholt. Nina lag eng an mich geschmiegt und meinte lakonisch: „Sie scheinen wach zu sein. Komm, lass uns frühstücken!“

Das taten wir, plauderten ein wenig mit den anderen Mädels und kehrten für das Dessert auf unser Laken zurück. Anschließend brachen wir auf ins noble Grand Café Foy an der Place Stanislas, wo ich sie zu einem Menü mit mindestens fünf Gängen einladen wollte.

Während ich mich mit Hilfe meines Wörterbuchs durch das Gastronomen-Kauderwelsch der Speisekarte hindurchquälte, fragte sie mich eher beiläufig: „Wie wäre es mit Froschschenkeln?“

Der Frage klatschte mir ins Gesicht wie eine Ohrfeige. Nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen ihrer Sprache. Denn sie brachte den kurzen Satz auf Deutsch über ihre Lippen – und das beinahe akzentfrei! Als sie meinen entsetzten Gesichtsausdruck sah, begann sie zu lachen, wobei sich das tanzende Ausrufezeichen auf ihrer Wange nur schwer zwischen Wiener Walzer und Charleston entscheiden konnte. Nach ein paar Schrecksekunden konnte ich mich ihrer guten Laune nicht verschließen und stimmte in ihr Gelächter mit ein. Im Schutz der Tischdecke nahm sie derweil meine Hand, führte sie unter ihren Rock und schob sie hoch bis an den Saum ihres Höschens.

„Grüne Spitze!“, beschrieb sie mir dazu das süße Nichts. „Damit das kleine Fröschlein nachher gleich wieder auf seinen Rohrkolben ‘üpfen kann. UNE QUENOUILLE POUR LA GRENOUILLE ! “

 

Léopold Schmutzler (1864 - 1940): Froschkönig