Büchermarkt Kirchberg 2012

Mitwitz, 2018

 

 

 

 

 Dichter ...


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Weiß, rot, schwarz, dumm


Bene vento. Es scheint in der Tat ein guter Wind zu sein, der an diesem Februartag des Jahres 1266 über das Rosenfeld weht, eine sanft ansteigende Ebene nördlich der Stadt Benevento in der Campania, siebzig Kilometer östlich von Neapel. Rosen sind keine zu sehen, aber im Schutz eines Haselnuss-Strauches recken schon ein paar Schneeglöckchen ihre Blüten dem Frühling entgegen. Der Boden ist leicht gefroren und mit einer hauchdünnen Schneedecke überzogen, die ein trügerisches Bild des Friedens vorgaukelt.


Die feindlichen Truppen sind drei Wochen zuvor in das Land eingefallen. Sie haben den Liri-Fluss überschritten, Rocca d'Acre eingenommen und in San Germano, das siebenhundert Jahre später unter dem Namen Montecassino noch einmal zu trauriger Berühmtheit kommen wird, ein Blutbad unter den Verteidigern angerichtet. Doch jetzt steht ihr Ende unmittelbar bevor, ist beinahe mit Händen zu greifen. Manfred, der König von Sizilien, hat eine gewaltige Streitmacht vor den Toren von Benevento aufmarschieren lassen, um die Mordbrenner in die Knie zu zwingen und den Frieden in seinem Reich wiederherzustellen. Der Platz ist gut gewählt, denn hier befindet sich die einzige Brücke über den Calore. Wenn sie verteidigt werden kann, ist Sizilien, zu dem auch das süditalienische Festland gehört, gerettet.


Der Gegner heißt Karl, Graf von Anjou, Maine, Provence und Forcalquier. Er ist der jüngste Bruder des französischen Königs Ludwig IX. und gilt als eiskalter Despot. Willensstark, skrupellos und zäh ist er – und doch nur ein Henkersknecht der römischen Kurie. Denn allen christlichen Prinzipien zum Trotz hat in den letzten drei Jahrhunderten fast jeder Papst versucht, neben der geistlichen auch die weltliche Herrschaft in Europa an sich zu reißen. Und ganz besonders haben diese unheiligen Väter einen Mann gehasst: Friedrich II., Manfreds Vater, der als römischer Kaiser und König von Deutschland, Sizilien und Jerusalem ihrer Machtgier im Wege stand wie kein anderer.


Dreitausendsechshundert schwerbewaffnete Ritter aus allen Teilen des Landes haben sich unter dem königlichen Banner mit dem staufischen Adler zusammengefunden. An ihrer Seite warten unter dem Halbmond des Propheten die muslimischen Elitetruppen aus der Sarazenenstadt Lucera auf ihren Einsatz. Für sie, die schon dem toten Kaiser bedingungslos ergeben waren, geht es nicht nur um Verteidigung der Heimat. Beinahe noch mehr ist die Freiheit ihres Glaubens in Gefahr und so stehen sie auch diesmal wieder in vorderster Front.

Bereits zu Lebzeiten Friedrichs II. hatte Papst Innozenz IV. in Deutschland bei einigen Kurfürsten die Wahl zweier Gegenkönige erkauft, ohne dass diese allerdings gegen den Staufer die geringste Chance gehabt hätten. 1250 kam Friedrich ums Leben und 1261 bestieg ein gewisser Jacques Pantaléon als Urban IV. den Stuhl Petri. Der, ein Schusterjunge aus Troyes, heuerte dann Karl von Anjou an, um sich mit dessen Hilfe endlich das reiche Nachbarland im Süden anzueignen.


Manfred hat seine berittenen Verbände in drei Treffen aufgestellt, selbständigen Truppenteilen, die nacheinander in die Schlacht eingreifen können, ohne sich gegenseitig zu behindern. Ganz vorn stehen sarazenische Bogenschützen, Meister ihres Fachs, die ihr Ziel nie verfehlen und nur darauf warten, den Feind mit einem Hagel von Pfeilen zu überschütten. Direkt dahinter das erste Treffen aus eintausendzweihundert Kavalleristen. Sie werden von Giordano Lancia und Galvano von Anglona befehligt, zwei dem Monarchen treu ergebenen Veteranen aus der Familie seiner Mutter. Das zweite Treffen steht ebenfalls unter dem Kommando eines Lancias, nämlich Galvano Lancias, des Generalvikars von Sizilien. Es umfasst eintausend Ritter und dreihundert leichtbewaffnete, aber umso wendigere sarazenische Reiter. Schließlich das dritte Treffen, noch einmal tausendvierhundert Mann schwere Kavallerie, rekrutiert aus den Baronen des Reiches und unter direkter Führung des Königs.


Der nicht bei seinen Leisten bleiben wollende Schuster-Papst starb schon im Oktober 1264. Doch zu seinem Nachfolger – honi soit qui mal y pense – wurde Gui Foucois gewählt, jener Mann, der für den Vatikan die Verhandlungen mit dem provençalischen Grafen geführt hatte, um das Fell des staufischen Bären schon vor der Jagd zu verhökern. Nun wurde man sich schnell handelseinig und der Auftragsmörder im Januar 1266 in Rom zum neuen König von Sizilien gekrönt. Den Papst selbst überkamen dabei vielleicht sogar Skrupel, denn er ließ sich entschuldigen und delegierte das unwürdige Ritual an vier seiner Kardinäle.


Der Kampf beginnt, als Manfreds Sarazenen ihre Pfeile auf den Gegner abfeuern und sich dann mit lautem Gebrüll auf die feindliche Infanterie stürzen. Die weicht zurück. Weicht solange zurück, bis französische Reiter aus Karls erstem Treffen in das Geschehen eingreifen und den Vormarsch der Muslime stoppen. Doch sie haben die Rechnung ohne Giordano Lancia und seinen Schwager Galvano von Anglona gemacht, die jetzt ihre Truppen in die Schlacht werfen. Diese sind den Franzosen haushoch überlegen, denn sie tragen neuartige Plattenröcke, die den Körper um ein Vielfaches besser schützen als die üblichen Kettenhemden. Anjous Kavallerie gerät in die Defensive – auch sein zweites Treffen, das dem ersten zu Hilfe eilt.

Aus "Nuova Cronica" von Giovanni Villani, 14. Jahrhundert.


Es sieht dramatisch aus für die französischen Söldner; ihr Untergang scheint besiegelt zu sein. Doch dann zeigen die schlechtgelaunten Götter einem übelriechenden Paris aus der Bourgogne die Achillesferse seiner Gegner. Deren Plattenröcke machen ihre Träger beinahe unverwundbar. Aber eben nur beinahe. Denn immer, wenn sie den Arm zum Schlag erheben, gibt die neue Rüstung für Sekundenbruchteile die ungeschützte Achselhöhle frei. Die Nachricht hiervon verbreitet sich wie ein Steppenbrand unter Karls Soldaten und genau dort bringen sie jetzt im dichten Getümmel ihre todbringenden Dolchstöße an.


Die Reihen der Sizilianer kommen ins Wanken und als Galvano Lancia mit seinen Männern eintrifft, geraten auch die von den Flanken her in Bedrängnis. Trotzdem ist bis dahin nichts verloren. Denn während die Franzosen schon all ihre Kräfte in die Waagschale geworfen haben, ist Manfred noch sein gesamtes drittes Treffen verblieben, eintausendvierhundert schwerbewaffnete und vor allem ausgeruhte Ritter.


Er selbst gibt ihnen den Befehl zum Angriff – doch dann geschieht das Unfassbare. Die Grafen von Accera und Caserta, beide mit ihm verschwägert, kündigen ihm kaltschnäuzig die Gefolgschaft und reiten mit ihren Leuten davon. Andere machen es ihnen nach. Manche aus Aberglauben, denn sie müssen voller Schrecken mit ansehen, wie sich der silberne Adler vom Helm ihres Königs löst und zu Boden fällt. Die meisten aus Feigheit und Berechnung, der Rest, weil ihre Hoffnung auf einen Sieg nun tatsächlich wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt.


Nur wenige widersetzen sich dem Verrat, unter ihnen Manfreds muslimische Leibwache und ein Mann, der durch seinen Mut und seine Treue Geschichte schreibt: Tebaldo Annibaldi, ein römischer Ritter und enger Freund des Königs. Er tauscht mit Manfred den Umhang, um die Aufmerksamkeit von ihm abzulenken, und stürzt sich Seite an Seite mit ihm in den aussichtslosen Kampf. Eigentlich ist es kein Kampf mehr, sondern bloß noch ein Gemetzel. Sich zu ergeben ist zwecklos, denn Gefangene werden nicht gemacht. Den Verlierern bleibt nur die Wahl, über die Klingen der Sieger zu springen oder in den eisigen Fluten des Calore zu ersaufen.


Der Schnee ist verschwunden, das Rosenfeld ein graues Inferno mit schmutzig-roten Tupfen. Zwischen verstümmelten Leibern und verendeten Pferden liegt eine abgeschlagene Hand im Schlamm. Nach ihren Fingernägeln zu urteilen, muss sie einem Menschen gehört haben, der Hygiene nicht als Teufelswerk verdammte, einem Menschen, dessen Religion die Gläubigen zur Sauberkeit ermahnt.


Die Hornhaut an den Fingern verrät zudem einen geübten Bogenschützen. Aber mehr wird niemals irgendjemand über sie erfahren. Nicht, wie viele Feinde diese Hand erschossen hat, und auch nicht, welche Qualen der verschwundene Körper erdulden musste.


Nachdem sich auf dem Schlachtfeld kein Leben mehr rührt, treibt der Blutrausch die Mörder in die Stadt hinein. Dort töten sie alle, derer sie habhaft werden. Sie plündern Häuser und Kirchen, vergewaltigen Nonnen, Greise und Kinder beiderlei Geschlechts. Zwar ist Benevento eine Exklave des Kirchenstaates und damit im Besitz von Anjous Auftraggebern. Doch bewahrt das seine Bürger nicht im Geringsten vor einer Vernichtungsorgie, die sich über eine ganze Woche hinzieht.


Die Überreste des Königs werden erst zwei Tage später zwischen den Kadavern entdeckt. Nackt und auf einem Esel bringt man sie zu dem neuen Herrscher ins Lager. Ohne einen Priester und ohne Segen lässt Anjou seinen gefallenen Gegner in ungeweihter Erde begraben. Am Ufer des Sabato, einem Zufluss des Calore, heben seine Männer neben der Ponte de Leprosi eine Grube aus, werfen die Leiche hinein und bedecken sie mit Steinen. Die Via Appia führt über diese Brücke und jeder Reisende soll sehen, welch ein schmähliches Ende der Sohn Kaiser Friedrichs gefunden hat. Die Totenruhe bleibt ihm indes verwehrt, denn der Heilige Vater und seine Schergen gönnen ihm nicht einmal diesen traurigen Platz neben der Zuflucht der Aussätzigen. Bartolomeo Pignatelli, Erzbischof von Cosenza und Vertrauter von Papst Clemens, lässt ihn wieder exhumieren und irgendwo am Liri verscharren, wo sich seine Spur für immer verliert.


Königin Helena, die während der Kämpfe im sarazenischen Lucera Zuflucht gefunden hatte, versucht, mit ihren Kindern das Land zu verlassen. In Trani werden sie von einem korrupten Beamten verraten und in Sichtweite des rettenden Schiffes gefangen genommen. Man trennt sie voneinander, kerkert sie ein und lässt sie in ihren Verliesen langsam sterben, den vierjährigen Enrico mehr als dreißig Jahre lang. Und Manfreds Neffe Konrad von Schwaben, genannt Konradin und legitimer Erbe von Thron und Reich, stirbt nach einem Schauprozess auf dem Marktplatz von Neapel unter dem Beil des Henkers.


Im Königreich Sizilien, dem modernsten Staat Europas, ist die Saat des Bösen glücklich in die Erde gebracht und wird noch ein dreiviertel Jahrtausend später reiche Ernte abwerfen. Üppige Früchte mit so klangvollen Namen wie Camorra, Cosa nostra, 'Ndrangheta und Santa Corona Unità.


Der schwer zu ertragende Humor der Berliner Tageszeitung taz aber bringt im Februar 2011, siebenhundertfünfundvierzig Jahre nach dem großen Morden, Folgendes über die damaligen Ereignisse zu Papier:


„Als Draufgänger war König Manfred, der von seinen Soldaten und Untertanen nur „Manni“ gerufen wurde, immer schon bekannt. Mit seiner Minipli-Vokuhila-Frisur und dem dicken Goldkettchen um den Hals flößte Manni Freund und Feind den nötigen Respekt ein – was sich nicht nur auf dem Schlachtfeld zeigte, wo er stets an seinem tiefer gelegten Schlachtross mit der Hasenpfote am Ohr zu erkennen war.


Nein, auch auf dem Fußballplatz brillierte Manni, und zwar als Libero. Manni von Sizilien starb, nachdem er sein Trikot … ähem, seinen königlichen Wappenrock mit seinem Teamkollegen Tebaldo Annibaldi getauscht und sich mit dem Schlachtruf „Ey, boah, ey!“ mutig ins Getümmel geworfen hatte.“

Zur Person


  • 1957 geboren in                 Gudensberg (Hessen)
  • seit 1994 zuhause in         Rudolstadt an der               Saale
  • verheiratet, drei                 Kinder
  • publizistisch tätig seit       1981
  • Vorsitzender des                 Autorenverbandes             Franken
  • Mitglied im Verein              Deutsche Sprache 
  • Umweltwissenschaft-          ler und Förster