Büchermarkt Kirchberg 2012

 

Mitwitz, 2018

 

 

 

 Dichter ...


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Rampenschlag. Oder: Der Jäger fehlt


Nadja sah in den Spiegel über dem Waschbecken und was sie dort erblickte, war ihr keinesfalls unangenehm. Ihre roten Lippen stachen förmlich aus dem hellen Teint ihres ebenmäßigen Gesichtes hervor, das seinerseits von den langen, schwarzen Haaren höchst wirkungsvoll eingerahmt wurde. Schmunzelnd erinnerte sie sich an die Worte ihrer Cousine, die einmal tröstend zu ihr gesagt hatte: „Du kannst überhaupt nicht hässlich sein.“


Das war damals gewesen, nach der blöden Geschichte mit der Pflegespülung, als ihr über Nacht sämtliche Haare ausgefallen waren. Die meisten fanden ihren kahlen Schädel irgendwie cool, aber sie selbst fühlte sich entsetzlich unwohl und kontrollierte im Zwanzig-Minuten-Takt das Wachstum der neuen Härchen, die sich nach kurzer Zeit wieder auf der Glatze einfanden. „Seidenweiches Haar und ganz toll zu kämmen“, hatte Olga von dem Zeug geschwärmt, doch irgendetwas in der Flasche mit dem Apfelblütenbild darauf hatte bei Nadja eine extrem allergische Reaktion ausgelöst.


Nun, auch das hatte sie überstanden und war im Grunde genommen froh gewesen, dass es sie getroffen hatte und nicht Olga. Denn die litt ohnehin schon genug unter ihrer Krankheit und ihren verheerenden Niederlagen gegen das Älterwerden. Sie war eine Verflossene von Nadjas Vater, die trotz ihrer eigenen Jugend ein paar Jahre lang bei dem Mädchen die Mutterrolle übernehmen musste und - nebenbei bemerkt - mit viel Engagement ausfüllte. Bis sie an einer chronischen Entzündung des zentralen Nervensystems erkrankte und zunehmend unfähig wurde, den gehobenen Ansprüchen zu genügen, die in verschiedener Hinsicht an sie gestellt wurden.


Zuerst wurde sie zugunsten einer drei Jahre jüngeren BWL-Studentin aus Papas Bett entlassen, dann musste sie ihren Beruf als Software-Entwicklerin an den Nagel hängen und schließlich wurde sie in einem Sanatorium im Schweizer Tessin endgelagert. Dort bewegte sie sich nun mit wenig eleganten Schritten zwischen ihrem Zimmer, dem Speisesaal und dem weitläufigen Park hin und her und kommunizierte mit der übrigen Welt fast ausschließlich über das dünne Glasfaserkabel ihres DSL-Anschlusses. Auf das gute Verhältnis zwischen Nadja und ihrer mütterlichen Freundin waren diese widrigen Umstände jedoch Gott sei Dank ohne erkennbare Auswirkungen geblieben.


Nadja zog ein T-Shirt an und schlüpfte in ihre Jeans, deren ausgeblichener blauer Stoff sich wie eine zweite Haut um ihre Beine und ihren Hintern schmiegte. Kokett schwenkte sie den für einen imaginären Bewunderer hin und her und musste dabei zugleich an die Tränen denken, die sie einst als Teenager wegen einer neuen Lieblingshose vergossen hatte. Diese war ein Traum von Schnitt, Farbe und Material gewesen, aber sie bekam sie nur mit größter Anstrengung zu. So litt sie doppelt: Zum einen unter heftigen Unterleibsschmerzen, zum anderen - und das beinahe noch mehr - unter ihrem vermeintlich fetten Arsch. Bis sich herausstellte, dass Olga das gute Stück versehentlich zwei Nummern zu eng gekauft hatte. Der war dabei übrigens kein Vorwurf zu machen, denn an der Hose fehlten aus unerfindlichen Gründen die Etiketten.


Sie beendete rasch ihre Morgentoilette, schenkte sich in der Küche eine Tasse Kaffee ein und nahm sich ein Stück Apfelkuchen aus dem Kühlschrank. Behutsam balancierte sie alles in ihr Zimmer und stellte es vor sich auf den Schreibtisch. Der schwarze Kaffee tat ihr gut und der Kuchen, bei dem die Äpfel zur Hälfte in den goldgelben Teig eingesunken waren, schmeckte einfach köstlich. Während sie aß, klappte sie den Laptop auf und schaltete ihn ein. Endlich war er da, der große Tag, dem sie seit Wochen entgegengefiebert hatte. Sie musste ihre Arbeit nur noch ausdrucken und zum Binden geben. Und schon waren die Stromschnellen der vergangenen Monate endgültig überwunden und ihr Diplom als Ingenieurin für Geotechnik und Bergbau zum Greifen nahe.


Der Computer surrte leise und auf dem Bildschirm erschien für Sekunden das Logo mit dem angebissenen Apfel. Gleich darauf wurde er wieder schwarz und widersetzte sich standhaft all ihren Bemühungen, an die gespeicherten Daten zu gelangen. Die größte anzunehmende Katastrophe nahm ihren Lauf. Natürlich hatte sie Sicherungskopien von ihren Dateien angefertigt, aber die waren längst nicht mehr aktuell. Und bis zum Abgabetermin in drei Tagen konnte sie es unmöglich schaffen, die einhundertdreiundzwanzig Seiten ihrer Arbeit erneut auf den letzten Stand zu bringen.


Was sollte sie tun? Das Innenleben ihres Rechners war für sie seit jeher ein Buch mit sieben Siegeln. Und die Jungs aus ihrer Wohngemeinschaft, die sich ein bisschen besser mit so etwas auskannten, waren ausgerechnet heute alle nicht greifbar, ausgerechnet heute alle auf einer Exkursion in tausend Meter Tiefe in einem stillgelegten Erzbergwerk. Sie dachte ein paar Minuten angestrengt nach, dann kramte sie ein kleines Zettelchen aus ihrem Portemonnaie und tippte die darauf befindlichen Ziffern in ihr Telefon ein.


„Hi Prince“, sagte sie, „hier ist Nadja … jetzt kannst du deinem Namen mal alle Ehre machen und eine arme Prinzessin vor dem Verderben retten … Na mich natürlich … Nein, kein feuerspeiender Drache, aber ein Computer, der den Geist aufgegeben hat … Ja, sehr dringend … Gut, in einer Viertelstunde.“


Es dauerte fast fünfundzwanzig endlose Minuten, bis er klingelte. Sie ließ ihn herein und er begann unverzüglich mit der Untersuchung des Patienten. Eigentlich hieß er Alex, doch weil er mit Sicherheit der größte lebende Fan von Prince Rogers Nelson war, hatte sich dessen Name einfach auf ihn übertragen. Außerdem war sein Opa mütterlicherseits ein farbiger Soldat der französischen Streitkräfte gewesen und hatte ihm als einziges Erbstück eine Hautfarbe vermacht, die vorzüglich zu seinem Idol passte. Ansonsten sah er dem Sänger wenig ähnlich, hatte vor allem - wie Nadja trotz ihrer Sorgen mit wohlwollendem Interesse feststellte - nicht dessen mickrige Statur. Nachdem er sich erfolglos mit allen möglichen Tasten, Schaltern und Steckern beschäftigt hatte, fragte er sie: „Hast du vielleicht eine Start-CD?“ Sie verneinte und er sagte: „Dann müssen wir das Ding eben mit zu mir nehmen.“


Sie packten alles ein und gingen nach unten zu seinem Auto, das er schräg gegenüber am Straßenrand geparkt hatte. Das heißt, Auto war in diesem Fall wohl nicht ganz der richtige Bezeichnung. Es handelte sich vielmehr um ein merkwürdiges dreirädriges Gefährt, das aussah, als hätte man einen Düsenjäger mit einer Seifenkiste gekreuzt. Alex zog an einem Hebel auf der linken Seite des Vehikels und klappte das komplette Oberteil mitsamt der runden Plexiglaskuppel zur Seite. „Bitte schön“, sagte er und Nadja zwängte sich auf den hinteren der beiden spartanischen Sitze. Prince kletterte vorn hinein, ließ den Motor an und flitzte mit einem solch atemberaubenden Tempo durch die Straßen der Stadt, dass sie Mühe hatte, sich dabei nicht zu übergeben.

Foto: Joachim Kohler (https://commons.wikimedia.org/wiki/User:JoachimKohlerBremen)


In seiner Wohnung angekommen, ging sie gleich auf den Balkon, ließ sich dort in einen Gartenstuhl fallen und atmete tief durch, bis ihre Übelkeit wieder verschwunden war. Er hatte sich währenddessen schon an die Arbeit gemacht und ihren Rechner neu verkabelt. Nun starrte er angestrengt auf das Gerät, schleppte stapelweise CDs und DVDs herbei und fluchte gelegentlich leise vor sich hin. Endlich, nach fast anderthalb Stunden, rief er: „Bingo!“ und auf dem Bildschirm tauchte das Titelblatt ihrer Diplomarbeit auf.


Mit Tränen der Freude in den Augen fiel sie ihm um den Hals und drückte ihm dankbar ein Küsschen auf die Wange. Prince revanchierte sich seinerseits mit einem langen, leidenschaftlichen Kuss und sie stellte begeistert fest, dass ihr dabei wohlige Schauer über den Rücken liefen. Dann ließ er sie wieder los und sagte: „Wir sollten deine Arbeit gleich ausdrucken und zusätzlich auf CD brennen. Sicher ist sicher. Außerdem könnte ich jetzt einen Kaffee gebrauchen. Apropos Kaffee: Wer hat dir eigentlich das Rezept für den Apfelkuchen zugemailt?“


„Olga, eine langjährige Freundin meines Vaters und beinahe so etwas wie eine Mutter für mich. Klingt lecker, nicht wahr?“


„Lecker vielleicht, aber hochgiftig. Die Datei enthielt den ekligsten Virus, mit dem ich bislang zu tun hatte. Wenn du mich fragst, solltest du dich schleunigst von jemand anders adoptieren lassen.“


Nadja war vor Schreck weiß wie Schnee geworden. „Diese gemeine Hexe. Und du bist dir wirklich völlig sicher?“


„Absolut. Schieb deine Hexe in den Backofen, so wie Hänsel und Gretel es gemacht haben. Oder lass sie in rotglühenden Schuhen tanzen. Steht auch in irgendeinem Märchen.“


„Soviel Mühe werde ich mir nicht machen, zumal Tanzen für sie ohnehin passé ist. Von mir aus soll sie an ihrer eigenen Bosheit verbrennen. Aber eine winzig kleine Rache gönne ich mir trotzdem.“


Nachdem sie ihren Kaffee getrunken hatten, verging über eine Stunde, bis ihnen ihre gegenseitige Zuwendung wieder Zeit für Nebensächlichkeiten ließ. Dann nahm Nadja ihr Handy und drückte eine Kurzwahltaste.


„Hallo Olga! Phantastische Nachrichten: Ich habe heute meine Diplomarbeit abgegeben und du bekommst in Kürze die schönste Bergbau-Ingenieurin im ganzen Land als Stieftochter … Danke. Deine guten Wünsche haben mir bestimmt geholfen … Das Rezept für den Apfelkuchen? Klar ist das gut angekommen … Ich habe es gleich ausprobiert. Total lecker. Wir sitzen gerade zusammen und lassen uns den Kuchen schmecken. Sozusagen zur Feier meines Abschlusses … Und stell dir vor: Über das Rezept habe ich sogar einen echten Prinzen kennengelernt … Erzähl ich dir später mal. Aber drück mir die Daumen, dass ich ihn noch ganz oft küssen kann und er sich nie in einen Frosch verwandelt - oder am Ende gar in ein bösartiges altes Weib … Einfach klasse. Schwarze Augen, braune Haut und ein ganzes Stück größer als meine sämtlichen Mitbewohner. Außerdem arbeitet er als Photograph und will gleich nächste Woche ein Shooting mit mir machen … Bilderstrecke auf www.spiegel-der-schönheit.de. Wer weiß, vielleicht ist das ja der Beginn einer steilen Karriere im Showgeschäft. Das wär’s doch. Von Clausthal-Zellerfeld direkt nach Mailand oder Hollywood … Du entschuldige, ich muss mich jetzt ganz, ganz dringend wieder um meine Gäste kümmern … Tschüs, meine Liebe - und lass dir keine grauen Haare wachsen, nur weil manchmal etwas schiefgeht.“


Sie legte auf, löschte die angerufene Nummer aus dem Speicher ihres Telefons und drehte sich zurück zu dem Königssohn an ihrer Seite. 


Zur Person

 

  • 1957 geboren in                     Gudensberg (Hessen)
  • seit 1994 zuhause in               Rudolstadt an der Saale
  • verheiratet, drei Kinder
  • publizistisch tätig seit              1981
  • Vorsitzender des                     AutorenVerbandes                 Franken
  • Mitglied im Verein                   Deutsche Sprache       
  • außerdem Umwelt-                 wissenschaftler und               Förster
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