Mord und Totschlag

Eine Auswahl meiner erfolgreichsten Kurzkrimis.


Wieder daheim 


Vier Monate sind eine lange Zeit. Und ich hätte einfach nicht damit rechnen sollen, dass jetzt, im Juni, der Lauf der Ereignisse unmittelbar dort anschließen würde, wo er im Februar geendet hatte. Oder vielmehr pausiert, wie ich irrtümlicherweise noch immer annahm. Was mich dann stutzig machte, war dieses geschmacklose graue Auto, das in unserer Einfahrt stand. Nun, vielleicht hatte Petra Besuch von einer Freundin. Oder von einer Kollegin. Oder aber jemand aus der Nachbarschaft hatte Besuch, und sie hatte ihm erlaubt, meinen Parkplatz zu benutzen. Unseren Parkplatz natürlich, wie ich mich in Gedanken sogleich selbst verbesserte. Denn sie war in diesen Dingen etwas eigen und ich hielt es für angebracht, unser Wiedersehen nicht gleich mit einem Tritt ins Fettnäpfchen zu vermasseln.


Ich parkte also zwei Häuser weiter am Straßenrand und schnappte mir meinen Strauß Blumen. Dreißig rote Rosen, wobei es Gerbera natürlich genauso getan hätten. Aber sie war auch in dieser Beziehung etwas eigen und ich wollte unser neues altes Glück auf keinen Fall an einem floristischen Flüchtigkeitsfehler scheitern lassen. Aus ähnlichen Gründen hatte ich auch darauf verzichtet, ihr meine Heimkehr telefonisch anzukündigen. Je größer die Überraschung, desto größer ihre Freude – so lautete mein ebenso einfacher wie genialer Plan.

 

Eine Überraschung für mich waren die beiden grünen Gummistiefel neben der Haustür. Ferse an Ferse exakt aufgereiht. Normalerweise hatte sie ein etwas chaotisches Wesen und ließ ihre entbehrliche Fußbekleidung einfach dort fallen, wo sie entbehrlich geworden war. Außerdem schienen ihre Füße um mindestens drei Schuhgrößen gewachsen zu sein. Sie hatte zwar schon immer gern auf großem Fuß gelebt, aber drei Schuhgrößen in vier Monaten?


 

(Foto:  Kameraad Pjotr, für Link zur Lizenz Bild anklicken!)

Während ich noch über dieses Phänomen nachgrübelte, hatte ich die oberste Stufe erreicht, gewissermaßen die höchste Stufe meines oder – wie ich mich wiederum verbesserte – unseres Neuanfangs. Der Schlüssel glitt ohne zu Mucken in den Schließzylinder der Tür, aber er ließ sich keinen Millimeter drehen. Ich ruckelte ein wenig, verkantete ihn leicht, zog ihn ein Stückchen zurück und probierte es aufs Neue. Am Resultat änderte das leider kein bisschen. Nicht einen Millimeter rührte sich der verfluchte Riegel!

 

Planänderung, auch wenn es mir schwerfiel. Zögernd hob ich die Hand und führte sie zum Klingelknopf. Fast hätte ich ihn gedrückt, aber in letzter Sekunde sah ich den Namen auf dem Schild daneben: Landau-Fürst. Das Landei war während meiner Abwesenheit gefürstet worden, ohne dass ich etwas davon mitbekommen hatte. Eigentlich wäre das ein Anlass für eine Riesenszene gewesen. Aber stattdessen stopfte ich meine Blumen in die Biotonne, stieg ins Auto und fuhr zurück nach Neapel. Dort, dessen war ich mich sicher, würde sich auch für diese unangenehme Geschichte eine brauchbare Lösung finden lassen.