Putlitz 2008

Sömmerda 2014

Fränkischer Kurzgeschichtenpreis 2017

 

 

 

Auszeichnungen

bei folgenden literarischen Wettbewerben:


2000 „Der schönste und spannendste Bahn- & Bike-Reisebericht”


2008 Putlitzer-Preis

2009 Stadtinszenierung Esslingen

2011 Bücher-Wiki

2012 ALFA-Multimedia-Preis

2013 Autorenpodium Sömmerda

2014 Gedicht des Monats März des Literarischen Arbeitskreises Dorsten


2014 Autorenpodium Sömmerda

2015 Autorenpodium Sömmerda

2015 Ralf-Bender-Krimi-Preis


2016 Dichterwettstreit „Worte bauen Brücken" der Villa Katharina und des                          literarischen Salons Bingen


2017 Autorenpodium Sömmerda


2017 Fränkischer Kurzgeschichtenpreis


2017 Ralf-Bender-Krimi-Preis


2019 Autorenpodium Sömmerda

Winter ade – von der Abschaffung einer Jahreszeit


Löwen und Säuglinge schlafen gern bis zu zwanzig Stunden am Tag. Dreizehen-Faultiere dagegen nur fünfzehn und erfolgsorientierte Repräsentanten des mitt-leren Managements sogar noch weniger. Aber sie alle brauchen eine Phase der Ruhe, denn nicht umsonst zählt der Schlafentzug bei den Generalsekretären und großen Vorsitzenden dieser Welt zu den beliebtesten und effizientesten Folter-methoden. Selbst die Natur als Ganzes ist – sei es aus göttlicher Vorsehung oder als Ergebnis jahrmillionenlanger Selbstorganisation – dem stetigen Wechsel von Anstrengung und Erholung unterworfen. Herbst für Herbst wirft sie ihre Blätter ab, verkriecht sich unter einer Decke aus Schnee, schließt die Augen und döst einem Neubeginn im nächsten Frühjahr entgegen. 


Wodurch wird es ihr möglich gemacht? Durch das Wasser mit seinen wunder-baren, von der modernen Wissenschaft als Anomalie bekrittelten Eigenschaften. Denn diese Anomalie ist es, die Fische, Krebse und Muscheln in den Tiefen ihrer Bäche und Seen vor dem Einfrieren bewahrt. Die den Kreislauf des Wassers und damit das gesamte irdische Leben aufrechterhält. Die es schafft, ausgerechnet aus eisigen Kristallen ein schützendes und wärmendes Polster zu zaubern. Und die das wenige Licht in diesen Kristallen so oft spiegelt und bricht, bis es die kurzen Tage förmlich erstrahlen lässt. 


Doch weil die Sonne im Winter erst spät über dem Horizont erscheint und früh wieder hinter ihm verschwindet, gedeihen draußen auf den Feldern weder Hafer noch Kartoffeln. Der Boden ist gefroren und verweigert sich hartnäckig dem Pflug und der Egge. Somit hatten unsere Vorfahren gar keine andere Möglichkeit, als sich notgedrungen dem Rhythmus der Jahreszeiten anzupassen. Sie haben die Kälte also für jene Tätigkeiten genutzt, die ihnen in den milderen Monaten nicht oder nur schwer möglich waren. Oder für die sie im Frühjahr, Sommer und Herbst schlichtweg keine Zeit hatten. Sie haben im Wald ihr Brenn- und Bauholz einge-schlagen. Das stand dann nicht mehr im Saft, sondern war relativ trocken. Deshalb ließ es sich gut verarbeiten, brannte im Herd lichterloh oder garantierte Häusern und Möbeln eine solide Qualität.


Sie sind im Schnee zur Jagd gegangen, unsere Altvorderen. Weil sie das Wild leicht aufspüren konnten und weil die erbeuteten Pelze besonders warm, dicht und kuschelig waren. Sie haben ihre Schweine, Rinder und Gänse geschlachtet. Denn nur bei Frost konnten Fleisch, Wurst und Schinken verarbeitet werden, ohne ge-fräßigen Mikroben zum Opfer zu fallen. Sie haben gesponnen und gestrickt, ge-webt und gestopft. Kurzum, all das erledigt, was sich bis zu Beginn des Advents bei ihnen angehäuft und gesammelt hatte.


Vor allem aber haben sie endlich jene Muße und Entspannung genossen, die ihnen während des übrigen Jahres nicht vergönnt war. Die Gemälde der nieder-ländischen Meister aus dem sechzehnten Jahrhundert sprechen hierzu eine be-redte Sprache. Da wird Schlittschuh gelaufen, gerodelt, eine Partie „Colf“ gespielt oder „Klootschieten“ (Eisstockschießen) veranstaltet. Die Leute sitzen geduldig mit ihren Angelruten an Löchern, die sie in das Eis geschlagen haben. Sie fangen Vögel mit selbstgebauten Fallen oder liefern sich eine Schneeballschlacht. Letztere hat sogar schon zweihundert Jahre zuvor der böhmische Meister Wenzel mit Farbe und Pinsel festgehalten. Auf einem Fresko im Adlerturm des Castello del Buon-consiglio im norditalienischen Trient. Ausgelassene Fröhlichkeit herrscht auf dem Bild und selbst die etwas unbeholfene mittelalterliche Darstellung schreibt sie den Kombattanten förmlich ins Gesicht: Die pure Lust am Zeitvertreib mit dem weißen Pulver und den kalten Kugeln. 


Oder die Menschen zogen sich in die relative Wärme und Behaglichkeit ihrer Be-hausungen zurück, um dort dem Wiedererwachen der Natur gelassen entgegen sehen zu können. Gleich zwei Varianten winterlicher Ofengemütlichkeit zeigt uns das berühmte Stundenbuch des Herzogs von Berry aus dem fünfzehnten Jahr-hundert. Auf dem Januarbild dinieren vornehme Herrschaften vor einem Kamin und über einem Bodenbelag aus wärmenden Strohmatten. Im Februar dagegen lupft ein Bauernpaar vor dem Feuer ungeniert seine Röcke, um auch die nackten Unterleiber in den Genuss der Strahlung kommen zu lassen.


Dass das wichtigste Fest des christlichen Abendlandes, nämlich Weihnachten, seit zwei Jahrtausenden zur Wintersonnenwende gefeiert wird, ist sicher kein Zufall. Nur dann hatte man Zeit für ausgedehnte Schlemmereien, für ruhige Stunden im Kreis der Familie und Gemeinde und vor allem für die wochenlangen Vorbe-reitungen, die dem Ereignis vorangingen. Vom Hausputz über das Kochen und Backen bis hin zum stimmungsvollen Schmücken der Räume. 


Was ist von all dem geblieben? Von der Winterruhe? Vom Atemholen für das nächste Jahr mit seinen Anstrengungen und Fährnissen? Nichts! Denn der Winter wurde abgeschafft und auf das Ergebnis dieser Abschaffung ist unsere hyper-aktive Gesellschaft ungeheuer stolz. Gilt er doch seit Jahren nur noch als eine Art Krankheit, über deren Bekämpfung das Fernsehen regelmäßige und gern ge-sehene Brennpunkte ausstrahlen muss. 


Vitaminreiches frisches Obst halten wir dagegen für gesund. Deshalb werden im Dezember nicht mehr das Sauerkraut und die Äpfel aus dem Keller geholt, sondern Erdbeeren aus Marokko eingeflogen. Und im Januar Äpfel aus Neusee-land und im Februar Weintrauben aus Südafrika. Zum Wohle unserer Kinder und vorzugsweise aus biologischem Anbau. 


Die Straßen haben von November bis März gefälligst schwarz und sauber zu bleiben. Denn wozu sonst bezahlen wir schließlich unsere Steuern? Die Lichter der Großstadt machen die langen Nächte zum Tag und unter Traglufthallen wachsen derweil neue Autobahnen heran. 


Doch ein Murmeltier, das im Januar damit anfinge einen neuen Bau zu graben, wäre nicht nur ein Fall für den Veterinär-Psychiater, sondern vermutlich auch ziemlich schnell tot. Ein Minister, der zur gleichen Zeit den ersten Spatenstich für einen neuen Großflughafen macht, darf sich dagegen des uneingeschränkten Medieninteresses und des Wohlwollens der öffentlichen Meinung sicher sein. Denn schließlich stärkt er die heimische Wirtschaftskraft und schafft Arbeitsplätze. Macht neuen T-Shirts aus China den Weg auf die Wühltische frei und neuen Touristenmassen den zur UV-Bestrahlung am Mittelmeer und in der Karibik.


Aus den winterlichen Feiertagen wurden ökonomische Faktoren. Faktoren, die die Wirtschaft hemmen, weil an ihnen die Produktion gedrosselt werden muss, im schlimmsten aller Fälle sogar gänzlich zum Erliegen kommt. Einerseits. Anderer-seits sind sie ungeahnte Triebkräfte, wahre Wachstumsbeschleuniger, die die Konjunktur ankurbeln, weil an ihnen ohne jedes Maß konsumiert wird. Gekauft, gefressen und geprotzt. Das Weihnachtslied hat seine ökologische Nische im Supermarkt-Lautsprecher gefunden, die Christmesse ist mutiert zum Laufsteg für die neueste Mode und für repräsentative Fortbewegungsmittel, der Kerzenschein wurde abgelöst von puffähnlich blinkenden Hausfassaden und die gegenseitige Wertschätzung manifestiert sich bei der Mehrheit der Bürger einzig und allein über die Zahlen im unteren Bereich der Kassenzettel. 


Die schönen Seiten des Winters buchen zeitgeistorientierte Verbraucher für vier-zehn Tage all-inclusive in einem exklusiven Skigebiet. Lieber nicht zu steil, aber dafür ungeheuer stylisch. Vor einem Wahnsinnspanorama und mit Seilbahnen, deren Talstationen auch mit Sommerreifen unproblematisch erreichbar sein sollen. Um die Umwelt scheren sich dabei die Wenigsten. Und diese Wenigen freuen sich wie die Schneekönige, wenn ihnen örtliche Tourismusmanager voller Stolz vorrechnen, wie viel Energie die Beschneiungs-Anlagen dank innovativer Technik Tag für Tag einsparen.


Sobald die Dachbox mit dem Pisten-Equipment und der Funktionsunterwäsche wieder vom Auto abmontiert ist, kann ihnen allen der Rest der kalten Jahreszeit gestohlen bleiben. Denn der Rest ist ärger- und hinderlich, treibt die Heizkosten-rechnung in die Höhe und stellt den pünktlichen Aufmarsch der Arbeitsameisen im Büro oder am Fließband jeden Tag aufs Neue in Frage. 


Mir persönlich bereitet der Skizirkus in alpinen Spaß-Arenen höchstens ein ge-wisses Unbehagen. Und zwei Wochen Winter zu Dekorationszwecken und als Kulisse für glöckchenbeschallte Einkaufsorgien finde ich alles in allem reichlich öde. Also werde ich Väterchen Frost in seiner vollen Länge genießen und ihn so würdigen, wie es schon meine Ur-Urgroßeltern getan haben. Ich werde viel schlafen, mich so oft wie möglich mit einem Buch vor den Ofen setzen, dabei Musik hören – die Petersburger Schlittenfahrt vielleicht – und eine Flasche Rotwein entkorken. Ich werde mich an der klaren Luft erfreuen und am schönsten und reinsten Weiß, das die Schöpfung uns beschert hat. Aus dem zweiten Stock und damit hoch genug, um den Salzmatsch auf der Straße und die gelben Pissflecken auf dem Bürgersteig übersehen zu können. Am Sonntagmorgen werde ich in aller Frühe durch den Schnee stapfen und auf sein Knirschen unter meinen Stiefeln horchen. Rechtzeitig bevor ihn beauftragte Hausmeisterdienste und entfesselte Rentner auf Haufen geschaufelt und mit Natriumchlorid weggeätzt haben. Ich werde den kleinen Vögeln am Futterhaus auf dem Balkon ihre Sonnenblumen-kerne gönnen und mir selbst den großen Vogel aus der Backröhre. Denn der Winter ist ein Geschenk – auch wenn es kaum noch einer weiß!

Esslingen 2009