Putlitz 2008
Sömmerda 2014

 

Fränkischer Kurzgeschichtenpreis 2017

 

Auszeichnungen

bei folgenden literarischen Wettbewerben:


2000 „Der schönste und spannendste Bahn- & Bike-Reisebericht”


2008 Putlitzer-Preis

2009 Stadtinszenierung Esslingen

2011 Bücher-Wiki

2012 ALFA-Multimedia-Preis

2013 Autorenpodium Sömmerda

2014 Gedicht des Monats März des Literarischen Arbeitskreises Dorsten


2014 Autorenpodium Sömmerda

2015 Autorenpodium Sömmerda

2015 Ralf-Bender-Krimi-Preis


2016 Dichterwettstreit „Worte bauen Brücken" der Villa Katharina und des literarischen Salons Bingen


2017 Autorenpodium Sömmerda


2017 Fränkischer Kurzgeschichtenpreis


2017 Ralf-Bender-Krimi-Preis

Augustinergässchen


Nepomuks erster Gang nach dem Aufstehen führte ihn wie immer an das Fenster seiner Schlafkammer. Denn er war seit elf Jahren Ratsherr und betrachtete es als seine heilige Pflicht, zuallererst über das Wohl der Stadt und ihrer Bürger zu wachen. Außerdem liebte er nichts mehr als den Blick über den geschäftigen Marktplatz und auf die beiden markanten Türme der Dionyskirche.


Aber an diesem Tag war alles anders. Dort, wo sonst die Händler ihre Stände aufgebaut hatten und die Bauern aus der Umgebung direkt aus der Kiepe Obst und Eier verkauften, dort sah er nur – Sessel. Säuberlich aufgereiht standen sie nebeneinander. Manche waren rot, manche blau, die meisten jedoch grau in allen Abstufungen. Über Armlehnen verfügten nur wenige, aber alle besaßen oben eine Kopfstütze. Dadurch wirkten sie merkwürdig hoch und erinnerten Nepomuk frappierend an Grabsteine.


Der ganze Marktplatz, das pulsierende Herz der alten Stadt, hatte sich so in einen riesigen Friedhof verwandelt. Es war unklar, wer oder was dort begraben sein sollte, aber die sesselförmigen Grabsteine reckten sich stumm dem Himmel entgegen. Dafür waren die Menschen verschwunden. Die Händler und Fuhrleute – weg. Die tratschenden Hausfrauen – irgendwo anders. Die spielenden Kinder – vielleicht eingesperrt. Nur noch Sessel, ordentliche, gepolsterte, tote Sessel.


Nepomuk war vor Schreck wie gelähmt. Dann fasste er sich und lief eilig in die Wohnstube auf der anderen Seite des Hauses. Doch was er dort beim Blick aus dem Fenster entdecken musste, fand er noch viel grauenvoller, als den Polsterfriedhof auf dem Marktplatz. Auch die Augustinergasse war vollgestopft mit Sesseln. Beiderseits der Fahrbahn aufgereiht, ließen sie den Passanten nur noch einen engen Spalt, um sich zwischen den Sitzmöbeln und den Wänden der Häuser aneinander vorbeizuzwängen.


Auf der Fahrbahn selbst standen die Sessel zum Erstaunen von Nepomuk nicht still. In zwei Schlangen rumpelten sie durch die Gasse hindurch, die eine nach Osten, die andere nach Westen. Ungefähr in jedem vierten von ihnen saß ein Mensch und stierte in die Richtung, in die er vorwärtsbewegt wurde. Manche stopften sich dabei etwas aus kleinen Tüten in den Mund, andere wippten mit dem Oberkörper hin und her, wie er es einmal bei einer verblödeten Käfighenne beobachtet hatte.


Am Rande der Gasse drehte sich ein kleiner Junge zur Fahrbahn hin um und sah auf die vorbeiströmenden Polstermöbel. Er zögerte einen Augenblick, dann lief er los. Vier Sessel umrundeten ihn mit einem aufgeregten Tuten, doch der fünfte warf ihn um und glitt knirschend über ihn hinweg. Die Sessel stoppten. Die Menschen stiegen aus ihnen heraus und begafften das leblose Bündel. Schließlich kamen einige Männer, räumten die Reste des Kindes zur Seite und malten mit weißer Kreide sein Abbild auf das Pflaster. Dann setzten sich die Leute wieder in ihre Sessel und die Sessel setzten sich wieder in Bewegung.


Als Nepomuk erwachte, war er schweißgebadet. Sein erster Gang führte ihn bis an das Fenster seiner Schlafkammer. Erleichtert sah er von dort über den Marktplatz mit seinem bunten Treiben und auf die beiden markanten Türme der Dionyskirche. Der Anblick beruhigte ihn wieder und er stellte sich vor, dass sein Alptraum ja noch viel schlimmer hätte ausfallen können. Wie wäre es gewesen, wenn sich die Sessel alle in Dosen befunden hätten, jeweils zu fünft in einer großen Blechkiste verpackt? Schluss jetzt, sagte er schmunzelnd zu sich selbst. Das ginge ja schon deshalb nicht, weil dann auch die Menschen in Dosen gefüllt werden müssten. Und so etwas, da war er sich völlig sicher, würden sie sich niemals gefallen lassen.


















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Esslingen 2009